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Verbreitung gefährlicher Trends im Netz

Haben Sie schon von «Pussy Slapping» gehört? Oder wissen Sie was «Blue Whale Challenge» bedeutet? Beides sind Trends oder Phänomene, die irgendwo entstanden sind und den Weg ins Netz gefunden haben. (Na, fühlen Sie den «Gwunder» wissen zu wollen was sich die heutige Jugend da wieder ausgedacht hat?)

Erinnern Sie sich noch, wie es in Ihrer Jugendzeit war? Haben Sie oder die Jungs Ihrer Klasse auch Unsinn gemacht? Bei uns gab es mal den «Sautscho». Das bedeutete, dass sich jemand von hinten anschlich und die Unterhosen ruckartig nach oben in den Poschlitz zog. Oder den «Tittenzwick»: ein plötzliches Zwicken in die Brustwarze. Als wir jünger waren, machte man jemandem mit den Fingern Hasenohren und zählte leise. Die Zahl, auf die man kam, war die Anzahl «Schätzelis» die der/die Angezählte hatte. Ätsch!

All diese «Spiele» kamen irgendwann auf und verschwanden wieder. Manchmal machten alle mit, manchmal bloss wenige. Teilweise geschah es einvernehmlich, und alle fanden es lustig dabei zu sein. Es geschah aber auch, dass jemand besonders drangsaliert wurde und gelitten hat. Je nachdem wehrten sich die Betroffenen selbst, es wurden Lehrpersonen beigezogen oder andere haben sich eingemischt und die Dynamik gebremst.

Heute ist das nicht anders und doch gibt es einen Unterschied. Solche Spiele werden gefilmt oder fotografiert und online gestellt. Digitale Medien machen es möglich, dass im Freundeskreis im Nachhinein darüber gesprochen und gelacht werden kann. Schnell finden diese Spielchen eine gewisse Verbreitung. In der Regel begrenzt sich dies jedoch eher regional.

Nicht selten kommen dann die traditionellen Massenmedien ins Spiel, denn je nach Unternehmensstrategie haben sie es sich zur Aufgabe gemacht, Geschehnisse im Netz aufzunehmen. Gerne wird dann von einem Trend oder gar einem «neuen» oder «neusten» Trend berichtet. Die Rolle, welche die Massenmedien dabei spielen, wird selten reflektiert. Trends entstehen meist nur, weil irgendein «Spiel» von traditionellen Massenmedien thematisiert wird. Wurde der sogenannte Trend einmal aufgenommen, beginnt das gegenseitige Abschreiben und der immer neue Versuch, mehr über diesen Trend zu erfahren. So verbreiten sich harmlose, doofe oder gefährliche Spiele vom Pausenplatz in der ganzen Welt.

Das Nervige ...

Jugendliche sollen ihre Spässe treiben und nicht alles, was sie tun ist, es wert, von Erwachsenen und/oder einer Expertenschar analysiert zu werden. Kinder und Jugendliche sollen lernen, wo Spass seine Grenzen hat und die Intimsphäre anderer anfängt. Wir müssen ihnen aber zugestehen, dass sie spielerisch ausloten, wo ihre Grenzen liegen. Natürlich müssen Übergriffe ernst genommen und angesprochen werden. Dies macht aber nur in einem direkten Kontakt mit den Beteiligten Sinn. Medienberichte und Aufregung helfen da nicht.

Das Gefährliche ...

Bei der «Blue Wahle Challenge» geht es um ein angebliches Selbstmordspiel, das angeblich im Netz existiert. Verschiedene Experten sind der Geschichte nachgegangen, ohne einen einzigen Hinweis zu finden, dass an der Geschichte etwas Wahres dran ist. Massenmedien, unterstützt von YouTube Usern, tragen die Geschichte von Sprachregion zu Sprachregion und beziehen sich immer auf vorherige Berichte. Die angeblichen Fakten werden dabei laufend wiederholt. Wird bei Polizei und Behörden von scheinbar betroffenen Regionen, Ländern nachgefragt, können keine dieser «Fakten» bestätigt werden. Trotzdem verbreiten Massenmedien diesen Hoax (bewusst verbreitete Falschmeldung) auf der ganzen Welt. In diesem Fall führt dies zu einer realen Gefahr. Aus der Medienwirkungsforschung kennt man den Werther-Effekt. Das heisst, Medienberichte über Selbstmord bewirken, dass die Selbstmordrate steigt. Ob nun Suizidgefährdete, gedankenlose «Scherzkekse» oder kranke Psychopathen sich von der Blue-Wahl-Berichterstattung inspirieren lassen: So oder so wird eine Grenze überschritten, die Leben riskiert und Kinder und Jugendliche in Angst und Schrecken versetzt. Meiner Meinung nach stehen da Medien in der Verantwortung, sich an die selbst auferlegten Medien-ethischen Vorgaben (Selbstverpflichtung der Medien zum Umgang mit Meldungen über Suizid) zu halten.

Fazit

Obwohl ich Erwachsene ermutige, sich für das Medienverhalten von Jugendlichen zu interessieren, sollte der persönliche Kontakt mit dem Kind stets im Vordergrund stehen. Dazu gehört auch, ihnen einen privaten Raum zuzugestehen und darauf zu vertrauen, dass sie es schon richtig machen. Wichtig ist, dass Kinder wissen, dass sie mit uns reden können, wenn sie das Gefühl haben, etwas stimme nicht. Wenn sie Verstörendes zugeschickt bekommen oder irgendwo darauf stossen, brauchen sie ein Gegenüber das ihnen hilft, das Gesehene einzuordnen. (Mehr Informationen zum Thema «Ungeeignete Inhalte im Netz») Beruhigen können wir sie aber nur, wenn wir nicht überreagieren.

laurent sedano

Autor: Laurent Sedano

Er ist bei Pro Juventute für den Themenbereich Medienkompetenz zuständig. In diesem Rahmen ist er für Workshops mit Schülerinnen und Schülern, Elternveranstaltungen und Weiterbildungen für Lehr- und andere Fachpersonen zuständig. Ausserdem blogd er auf Medienblog.doj.ch und KOPF-STAND.ORG/Blog

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